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Wildbienen

Lebenswichtige Insekten

Dieser Artikel wurde von Sabine Klaucke für die Düsseldorfer Umweltzeitschrift grünstift geschrieben. Wir freuen uns, ihn übernehmen zu dürfen, weil er gut zu anderen Aktivitäten unserer Initiative passt.

Mit fast einer Million Arten machen die Kerbtiere rund 60 Prozent aller auf der Erde beschriebenen Tierarten aus. Trotz ihrer meist kleinen Größe wird die Masse aller Insekten auf rund eine Milliarde Tonnen geschätzt – was etwa 25 mal soviel ist wie die Masse aller wildlebenden Säugetiere zusammen. Mit Ausnahme der Ozeane sind sie in fast allen Lebensräumen und Gebieten der Erde zu finden.

Das lateinische insectum bedeutet „eingeschnitten“ und bezieht sich auf die stark voneinander abgesetzten Körperteile Kopf, Brust und Hinterleib. Je drei Beine setzen rechts und links vom Brustteil an und sind gegliedert in Hüfte, Schenkelring, Oberschenkel, Schiene und Fuß. Dazu kommen je nach Art unterschiedliche Mundwerkzeuge, Flügel, Kopfschmuck… So vielfältig wie ihr Aussehen, so vielfältig sind auch ihre Lebensweisen, ihre Fähigkeiten und dementsprechend ihre Rolle im Naturhaushalt.

Pollen und Früchte

Das wissen inzwischen alle: Die Bienen machen Honig aus dem Nektar der Blüten und bestäuben die Blumen. Aber nicht nur Honigbienen tragen Pollen von Blüte zu Blüte, dies tun auch Wildbienen, Schmetterlinge, Mücken oder Fliegen. 80 bis 90 Prozent aller Blütenpflanzen werden durch Insekten bestäubt. Die Verbreitung der Pflanzen wird auch durch den Weitertransport der Samenkörner gesichert; dies übernehmen z.B. Ameisen.

Wo Pflanzen sind, gibt es Lebensraum und Futter für andere Lebewesen. Von ihren Früchten, also Sämereien, Nüssen und Beeren, ernähren sich beispielsweise viele heimische Singvögel. Spatzen z.B. sind reine Körnerfresser. Indirekt sind schließlich alle pflanzenfressenden Tiere von den Bestäubern abhängig. Inklusive wir Menschen, die wir Obst- und Gemüse essen.

Fressen und gefressen werden

Nicht nur wegen der Bestäubung sind die Insekten unersetzbar, sie dienen auch als Nahrung für viele andere Tiere, beispielsweise für Eidechsen und für Amphibien wie Frösche. Die ganze Säugetierordnung der Insektenfresser, zu der Igel und Maulwürfe gehören, hat sich auf diese proteinreiche Nahrung spezialisiert. Viele Singvogelarten wie die Amsel ernähren sich ganzjährig von Insekten, und fast alle brauchen sie als Futter für die Aufzucht ihrer Jungen.

Auch innerhalb des Insektenreiches herrscht ein raues Fressen und Gefressenwerden. Einige Arten brauchen andere Insekten als Nahrung oder Wirte für ihren Nachwuchs. Schlupfwespen parasitieren an den Eiern von Motten oder der Weißen Fliege, Marienkäfer und ihre Larven ernähren sich von Blattläusen, ebenso die Florfliegen. Damit sind diese Arten auch als nützliche Helfer zur biologischen Schädlingsbekämpfung im Gartenbau interessant geworden.

Der Boden wird bearbeitet

Viele Insekten – auch andere Tiere wie Regenwürmer und Asseln – ernähren sich von pflanzlichen und tierischen Zerfallsstoffen, ihr Kot wird von Mikroben weiter zersetzt. Die freigesetzten Nährstoffe verbessern die Bodenfruchtbarkeit; die Humusbildung wird gefördert und der Boden aufgelockert. Ein Boden, in dem es keine Bodenlebewesen gibt, hat keine natürlichen Nährstoffe mehr und ist tot. Das wird an den mit Pestiziden gespritzten Agrarwüsten deutlich; nur mit immer höheren Düngerzugaben lassen sich dort noch Erträge erzielen.

Im Wald bohren verschiedene Pionierinsekten wie Borkenkäfer und Holzwespen Löcher in Rinde und Holz von abgestorbenen Bäumen. Damit erleichtern sie die weitere Zersetzung durch Pilze und Mikroorganismen. So stehen die Nährstoffe aus dem Totholz wieder dem Stoffkreislauf zur Verfügung.

Direkter menschlicher Nutzen

Der Mensch zieht nicht nur beim Gartenbau weise Nutzen aus den Insekten. Aus dem Kokon der Seidenspinnerraupe wird Seide gewonnen und aus der Cochenille-Laus ein roter Farbstoff für die Kosmetik- und Lebensmittelindustrie. Trickreiche „Erfindungen“ der Insekten wie ihre Saugfüße sind Vorbilder für moderne Technik geworden.

Insekten sind Nahrung auch für unsere Spezies. Weltweit essen rund zwei Milliarden Menschen Insekten, vor allem in Asien, Lateinamerika und Afrika. Sie grillen Grashüpfer, marinieren Maden und rösten Raupen. In Europa aßen schon die Römer und Griechen Heuschrecken und Maden. In Deutschland war die Maikäfersuppe bis ins 19. Jahrhundert beliebt. Heute essen wir nur noch den Bienenhonig. Wenn zur Ernährung der wachsenden Weltbevölkerung vermehrt auf Insekten gesetzt werden sollte, würden diese in großem Stil gezüchtet. Somit gäbe es keine Nahrungskonkurrenz zu den tierischen Insektenfressern. Der erschreckende Rückgang von Insekten und Vögeln weltweit hat sowieso andere Gründe.

Insektensterben – Arten und Masse

Um über 70 Prozent ist die Biomasse von Fluginsekten in den letzten 30 Jahren zurückgegangen, wie Insektenforschern bei Krefeld festgestellt haben. Laut weiteren Studien aus anderen Ländern geht der Bestand aller Insektenarten weltweit um mehr als 40 Prozent zurück. Das hat Folgen für alle Insekten-fressenden Arten wie die Vögel. Ganze Ökosysteme werden durch den Verlust instabil. Brechen sie ganz zusammen, ist unsere Ernährung gefährdet. Wenn der Schwund ungebremst weitergeht, könnten in zehn Jahren die Insekten bei uns ausgestorben sein, befürchtet Johannes Steinle, Tierökologe an der Uni Hohenheim: „Das stelle ich mir wie das Land Mordor aus ,Herr der Ringe‘ vor.“

Wenn wir das große Insektensterben noch aufhalten wollen, müssen wir vor allem weg von der industriellen Landwirtschaft mit ihren monotonen Agrarwüsten und dem großflächigen Einsatz von giftigen Chemikalien. Ein radikal anderes Denken und Handeln ist nötig, und das sofort.

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